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Und nun...? Im Gedenken an ErichNachricht vom 2016-10-31 15:24:56

fürErich


 

Und nun ? ...

(für Erich im Gedenken)

 

Als man ihn vom Baum schnitt, hing er bereits zwölf Stunden. Entdeckt wurde er etwa zwei Stunden nach seiner Selbsttötung. Der Einfachheit halber ließ man ihn baumeln, bis man Zeit für die nötigen kriminaltechnischen Untersuchungen fand, die ein Selbstmord im Allgemeinen mit sich bringt. Die kalten Februartage setzten diesbezüglich keine Eile voraus.

Hatte er sich die Stunden danach als baumelnder Leichnam hinter seiner Blockhütte so vorgestellt, bevor er den letzten Schritt setzte?

Wie hatte er sich eigentlich seine letzten Minuten ausgemalt, oder hatte er an nichts mehr gedacht?

Gehörten diese Augenblicke vor der Abreise ins Nirwana seiner Kindheit, Jugendzeit, seinen Frauen oder Kindern? Wem galten seine Gedanken, ehe ihm der Fall in den Strick das Genick brach?

Vielleicht dachte er, kaum das Ende erwartend, mit einem leisen Lächeln um den Lippen noch: „Jetzt habe ich es gleich geschafft“ oder aber in ängstlicher Erwartung des Kommenden: „Verdammt, was mache ich denn nur“?, und hatte dabei keine Chance mehr, dem selbst gesetzten Akt zu entkommen. Möglich, dass die letzten Sekunden seines Lebens gnädiger mit ihm verfuhren als die letzten Monate und Jahre davor!

Das Wiederaufflackern seiner vor Jahrzehnten ausgeheilt geglaubten Krankheit ließ ihn die letzte Zeit zum seelischen Wrack werden. Vielleicht hatte er Angst, all die Torturen der damaligen Therapie noch einmal über sich ergehen lassen zu müssen, nicht wissend, dass die jetzigen Behandlungsmethoden im Gewahrsam einer Anstalt doch viel menschlichere Anwendungen versprechen als noch vor etwa vierzig Jahren. Spürte er die Schmerzen der bei vollem Bewusstsein wiederholt an ihm durchgeführten Elektroschocks neuerlich, spürte er die beengende Zwangsjacke, die kaum eine regelmäßige Atmung zuließ, wenn er seine Anfälle hatte? Spürte er die Schläge der Pfleger, die gar nicht zimperlich auf ihn eindroschen, um ihn „ruhig“ zu stellen? War diese Angst Auslöser für das Reifen seines Entschlusses zur Endgültigkeit?

Oder ließ ihm die Ausweglosigkeit seiner familiären Situation keine andere Möglichkeit mehr offen?

Sein Lebenswandel in allerletzter Zeit im teilweisen Bewusstsein seiner schizophrenen Schübe machte aus ihm einen Gejagten seiner selbst. Zwanghafte Ruhelosigkeit in sich, immer auf der Pirsch nach möglichem Reichtum durch Glücksspiel. Vielleicht auch die Suche nach echter Liebe, die er immer glaubte, nie gefunden zu haben, ob als Kind, Knabe oder Mann. In hellen Momenten dann die Erkenntnis des Scherbenhaufens seines Lebens, das Bewusst werden seines Scheiterns. Den einzigen Ausweg im Schlussmachen zu erkennen, den vermeintlich einzig positiven Vorsatz zur Handlung zu begrüßen, den Gedanken zur Tat werden zu lassen, ohne Wenn und Aber. Sich keinen Deut mehr zu scheren um die Zurückgelassenen, die sich vermeintlich auch keinen Deut um ihn geschert haben.

Selbst auferlegte oder einfach ihm zugedachte Verantwortung aus Feigheit oder einer letzten Portion Mut abzuschütteln, vielleicht den einfacheren Weg einschlagen, weil andere zu verworren und unerkannt im Verborgenen blieben. Unerfüllte Sehnsüchte und Hoffnungen versinken sehen im Abgrund der Zeit. Aufwühlende Gefühle einer neuen, vermeintlich echten Liebe im Sog der Habgier, Berechnung und Lüge verschwinden sehen zu müssen, sie unterdrücken zu müssen, um nicht noch verrückter zu werden.

Oder ganz einfach nur das Bedürfnis nach Ruhe zu verspüren, der unendlichen Müdigkeit nachzugeben, nicht mehr denken und fühlen zu wollen, alles hinter sich zu werfen, Altlasten zu versenken und neue Lasten sich nicht mehr aufbürden zu mögen, nur noch Kraftreserven als letzte Aktivität an sich zu vergeuden, weil der Sinn des Lebens für ihn nie zu erkennen war.

Hilfe, die in allzu vielen jämmerlichen Situationen seines Bestehens für ihn nie greifbar schien, weil er keine Hand zum Anhalten oder Halten fand, die ihm vielleicht zu zaghaft hingestreckte nicht ergriff, weil er sie nie spürte und sah.

Weil die Einsamkeit ihm vielleicht den Rest gab, obwohl er nicht alleine war, die physische und psychische Leistungsgrenze schon lange überschritten schien, die Unerträglichkeit des Lebens ihm zur Qual wurde, seine Tränen, zu Salzkrusten geworden, sein Herz austrockneten, sein Lachen schon lange erstorben war, sein einstiger, emotionaler Redeschwall sich zum flüsternden Selbstgespräch verwandelte.

Dann der Aufstieg auf den Baum, sein letztes Tun im Umlegen der Schlinge, vielleicht noch ein kurzes Gebet, der Sprung ..., sein kaputtes Leben als abgespulter Film im Zeitraffer ...

Und nun ......?

 


Mongibello - ÄtnaNachricht vom 2016-10-04 10:04:09

 

aus meinem sizilianischen Reisebericht "Auf Götterspuren wandeln" eine Replik auf den beeindruckenden Ätna.

 

ÄTNA

 

Für den kommenden Tag, den 3.10.02 haben wir „Sun-Set“ am Ätna gebucht, der in dieser Jahreszeit etwa zwischen 17 und 17,30 Uhr beginnen soll. Was wiederum so viel heißt, dass wir um die Mittagszeit los fahren müssen. Die Tage vorher war es ständig bewölkt, so dass wir den Mongibello von unserer Terrasse nie zu Gesicht bekamen. Auch am Abend war er durch eine dichte Wolkendecke zugezogen. Ob der nächste Tag einen Sonnenuntergang auf knappen 2900 m wohl zuließ?

Die Vorkehrungen für diese Fahrt wollten wir am nächsten Vormittag treffen, es galt, sehr warme Kleidung mitzunehmen, gutes Schuhwerk ist selbstverständlich Voraussetzung für diese abenteuerliche Fahrt. Hoffentlich passt das Wetter, beteten wir in einem fort!

Der nächste Morgen begrüßt uns strahlend schön, der morgendliche Blick Richtung Ätna ist von überwältigender Schönheit. Erstmals, seit unserer Ankunft in Taormina, ist die Sicht klar, die rauchende Vulkanspitze wolkenfrei. Wie stolz er sich uns präsentiert, der Mythen umwobene Mongibello. Natürlich ist unsere Vorfreude unbeschreiblich groß. Unzählige Legenden ranken sich seit der Antike um diesen Vulkan. Aber wie hätten sich die Menschen auch die glühenden Lavaströme und steten Rauchsäulen anders erklären sollen, als mit Hilfe übernatürlicher Kräfte oder göttlicher Urgewalten.

Hephaistos, der Gott der Schmiede und Vulkane, Gatte der „Schaumgeborenen“, Aphrodite, Adoptivtochter von Zeus, welcher der Göttin der Liebe und Schönheit aus Eifersucht verbot, sich zu verlieben oder zu verehelichen, und ihr daher den verkrüppelten und hässlichsten aller Götter zum Manne gab, lebt in seinem Reich am, oder eher im Rumpf des Ätna.

Noch tiefer in des Berges Mitte, unter glühendem Gestein herrscht Hades, der Gott der Unterwelt, älterer Bruder des Zeus. Ihre anderen Geschwister Poseidon, Demeter, Hestia und Hera, (letztere nimmt ja Zeus zur Gattin), werden von Zeus aus der Gefangenschaft ihres Vaters Kronos, befreit, indem er ihn zwang, all seine verschluckten Kinder auszuwürgen. Als Dank darf er als Göttervater am Olymp herrschen, obwohl Zeus nicht als Ältester geboren wurde. Mit Hilfe seiner Brüder Hades und Poseidon tötete Zeus seinen Vater. Hades verliebt sich unsterblich in Kore, die junge Tochter Demeters, und bittet den Bruder Zeus um Erlaubnis, sie heiraten zu dürfen. Aber Zeus fürchtet, dass Demeter ihm seine Zustimmung zur Heirat nie verzeihen würde, so setzt Zeus gekonnt seine diplomatischen Fähigkeiten ein, wobei er weder zustimmend noch ablehnend der Bitte Hades entspricht. Irgendwie windet er sich aus der Affäre. Nachdem Hades zur Kenntnis nimmt, dass er seinen Bruder durch seine Verbindung mit Kore nicht erzürnen wird, entführt Hades die wild schreiende und sich wehrende Kore heimlich in einem güldenen Wagen, dem schwarze Pferde vorgespannt waren, in sein Schattenreich. Sonnengott Helios, der alles sieht, erzählt der verzweifelten Demeter die Wahrheit über die Entführung ihrer Tochter. Demeter vermutet hinter diesen ruchlosen Streich ihren Bruder Zeus und beschließt, solange nicht zum Olymp zurückzukehren, bis Kore, die von nun an den Namen Persephone trägt, wieder bei ihr wäre. Sie verbietet den Pflanzen zu wachsen, wodurch es auch keine Früchte mehr gab, und die Menschheit Hungers sterben müsste. Natürlich muss Zeus unter diesen Voraussetzungen klein beigeben, und befiehlt Hades, die Geraubte ihrer Mutter zurückzugeben. Aber Kore/Persephone hat bereits von der Totenspeise gekostet, nämlich den Kernen des Granatapfels, sodass Zeus einen Kompromiss finden muss. Die dunklen Monate des Jahres soll Persephone als Göttin der Unterwelt neben ihrem Mann Hades, dem Gott der Unterwelt im Reich der Schatten herrschen, und die Seelen der Toten bewachen, die hellen Monate aber darf sie als Kore bei ihrer Mutter auf Erden zubringen. Durch diese Einigung, der von allen angenommen wird, verdankt die Erde das Prinzip der Metamorphose und der Wiedergeburt. Der Abstieg ins Dunkel und der Aufstieg ins Licht könnte einleuchtender nicht erklärt werden. Selbst das bildhafte Argument der vier Jahreszeiten ist einleuchtend. Gedanklich mit diesem mythischen Hintergrund behaftet, bestieg ich den Reisebus.

Unser Ziel war der Ätna Nordhang. Linguaglossa – Zunge-Zunge heißt dies übersetzt – ist eine Station mit Ausgangspunkt der Panoramastraße Mareneve (Meer und Schnee), 1450 m hoch, dann weiter nach Piano Provenzana in 1800 m Seehöhe, wo sich der wichtigste Wintersportort auf dem Ätna befindet. Bis hierher fahren die Busse, danach ist der Umstieg in Mercedes-Allradbusse auf 2900 m Höhe obligatorisch.

Entlang der Panoramastraße ist das Gebiet auf Grund des mineralhaltigen Bodens noch fruchtbarer, als in tiefer gelegenen Gebieten. Pfirsichfelder, Artischockenkulturen, Weinberge, Oliven, verschiedenste Obstsorten werden hier gepflanzt. Bis auf 2000 m Höhe gibt es ausgedehnte Waldzonen mit Edelkastanien- und Eichenwäldern.

Bei der Busendstelle ist es bereits windig und kalt. Einige Mitreisende müssen in Ermangelung geeigneter warmer Kleidung noch rasch in den umliegenden Souvenirläden Anoraks entleihen. Wie klug und geschäftstüchtig die Standeigner die Nachlässigkeit der Touristen ausnützen! Hier gibt es auch noch zwei Restaurants mit Übernachtungsmöglichkeit. Schwarze Lava ist hier vorherrschend, die sich uns aber reich bewachsen mit der Panzerföhre, einem Relikt aus dem warmen Tertiärzeitalter, aber auch vielen anderen Pflanzen präsentiert. Dieses Gebiet soll, nach Berichten der Reiseleitung, ziemlich sicher vor vulkanischen Verschüttungen sein, jedenfalls bezeugen uns das auch die alten Waldbestände.

Wir steigen um in einen bereitgestellten Geländebus, der immerhin einen Fassungsraum von 30 bis 40 Leuten misst. Ein Bergführer muss die Touristen unbedingt begleiten, die Gefahr wäre zu groß, dass sie sich entweder verirren oder in längst erloschene, mitunter sehr tiefe Krater, stürzen.

Wir erfahren von der Reiseleitung, dass der 3369 m hohe Vulkan einen Umfang von 140 km fruchtbarsten Boden hat, seine elliptische Fläche immerhin 1400 km2 groß ist, und insgesamt 270 Krater aufweist.

 

Die Niederschläge versickern in Erdspalten und treten vereinzelt im Tal wieder als Quellen zutage, was zusätzlich zur Fruchtbarkeit dieses Gebietes beiträgt. Die Griechen gaben dem Berg den Namen Aitne, aus dem sich die Bezeichnung Ätna ableitet. Die Sizilianer verbanden die italienischen und arabischen Bezeichnungen für Berg = Monte und Djebel = Berg, als Mongibello = Berg der Berge. Menschliche Besiedelungen erstrecken sich bis weit hinauf in die Höhe, Reste eines antiken Gebäudes fand man etwa noch in 2197 m über dem Meeresgrund. Bis auf 1500 m vom Hauptkrater entfernt gibt es heute menschliche Ansiedelungen. Rund 140 gewaltige Ausbrüche verzeichnete bis dato die Geschichtsschreibung. Immer wieder nach großen Ausbrüchen entstehen neue Krater, die aktiv sind und es auch bleiben. Städte und Dörfer wurden seit alters her vom unruhigen Berg zerstört, die Lava floss bis ins Meer, gewaltige Lavafelsen, mitten im Wasser gelegen, geben Zeugnis von seiner unbändigen Kraft. Täglich rechnen die Siedler der umliegenden Dörfer mit neuen Ausbrüchen, obwohl man ein ausgeklügeltes Frühwarnsystem besitzt, womit unvorhergesehene gefährliche Eruptionen angeblich eher unwahrscheinlich sind. Der Ätna verfügt über 4 Gipfelkrater und 200 Flankenkrater, wo die flüssige Glut mit einer Austrittstemperatur von 1000 Grad C herausquillt und eine Geschwindigkeit von 10 m pro Sekunde erreicht. Stets versuchten die Menschen den Lavastrom in Kanäle umzuleiten, um besiedelte Gebiete zu verschonen. Meistens sind diese Vorkehrungen umsonst, die Massen bahnen sich just den Weg, den sie wollen.

 

Das Geländefahrzeug bringt uns sehr langsam durch holpriges Gebiet auf 2300 m Höhe. Hier wandern wir zu einem nahe gelegenen, erloschenen Krater. Es ist wahrlich ein Erlebnis! Erstmals nur dunkles, hartes Lavagebiet zu betreten, ist ein beispielloses Abenteuer. In dieser Höhe gibt es nur noch schüttere Vegetation. Die Erklärung ist einleuchtend, weil hier erbarmungslos der Wind heult. Die Erläuterungen des Führers sind uns durch den Lärm des Windes nur mehr schwer verständlich. Wir sehen Bruchlinien aus erloschener Lava. Wir müssen vorsichtig sein, nicht in eine dieser etwa 30 cm dicken Spalten zu gelangen. Wie leicht könnte man sich den Knöchel dabei verletzen. Der Krater, den wir hier sehen, ist nicht sehr groß. Er weist etwa eine Tiefe von 5 m auf, was in der Fülle der hier vorherrschenden „Abgründe“ eher unbedeutend ist, wenn man bedenkt, dass es Kratertiefen von Hunderten von Metern gibt.

Riesige Basaltblöcke, die das Innere des Ätnas freigab, säumen die Kraterränder. Wieder im Fahrzeug, geht es noch einmal etwa 300 m steil bergauf. In dieser Höhe gibt es nur mehr vereinzelt stacheliges Gras, in Form kleiner Polster. Ich berühre neugierig einen davon und werde dabei sofort gestochen. Die Umgebung kommt mir mondähnlich vor. Jedenfalls stelle ich mir in naivem Glauben die Oberfläche des Mondes so vor. Der Wind bläst jetzt noch heftiger, beinahe wütend, so als wollte er uns vor einer Weiterfahrt abhalten, um die Stätte jenen zu überlassen, die hier das Vorrecht besitzen, den Göttern. Teilweise verursacht mir die Fahrt sehr mulmige Zustände. Der mit riesigen Baggern für meine Begriffe eher unzulänglich geebnete Weg ist eng und steil, der Hang auf meiner Sitzreihe ist stark abfallend und geht etwa an die 300 m bergab. Hier darf dem Fahrer kein Fehler passieren, denke ich mir mit Schaudern.

Ein neuerlicher Steig zu Fuß führt uns nach Aufforderung des Führers zu interessanten Bruchkanälen, die ihren Ursprung an einem der Hauptkrater haben, denen warmer Rauch entsteigt. Wir können unsere nahezu erfrorenen Hände in den Spalten wärmen. Das tut gut in dieser Kälte. Jetzt ist das Gehen sehr mühsam geworden. Der Sturm macht jeden einzelnen Schritt als wären es zehn. Wir stolpern über erkaltete Lava und Geröll. Trotzdem ist es ein schaurig schönes Erlebnis. Die Sonne erscheint uns hier als eine viel größere Kugel als unten im Tal und leuchtet auffällig grell orange. Überdies steht sie bereits sehr tief. Wir gehen im wahrsten Sinn des Wortes über den Wolken, sodass uns die Aussicht auf die Dörfer versagt bleibt. Aber gerade das verleiht diesem Gebiet einen besonderen Reiz. Eingehüllt, teils in Watte, zugleich von schwarzer Masse umgarnt, verspüre ich nahezu eine beruhigende Sicherheit. Wie heimtückisch sich uns der Berg in dieser Form präsentiert! Während der Fahrt zum Observatorium in 2900 m Höhe schaukelt es uns im Geländebus wie auf einem Boot in wilder Brandung hin und her. Dem kleinen russischen Mädchen hinter mir ist schlecht geworden. Was Wunder, bei dieser Tour!

Die Sonne scheint in diesen Höhen ungemein nahe zu sein. Ich habe das Gefühl, nur meine Arme ausstrecken zu müssen, um sie berühren zu können. Heute meint es Helios, das Kind der Titanen Theia und Hyperion besonders gut mit uns. Orange-rot leuchtet die Kugel. Die Augen leiden, wenn man länger hinblickt. Helios der Allesseher, weil er ständig mit seinem Vier-Pferdegespann am Himmel zwischen Ost und West unterwegs ist, lenkt seinen strahlenden Sonnenwagen selbst. Darum erspäht er auch jedes kleinste Detail, das auf Erden vor sich geht. Ihm bleibt nichts verborgen. Gen Abend erreicht er den Westen und begibt sich in einigen Minuten in seinen prächtigen Palast, der dem des Ostens um nichts nachsteht. Die Pferde werden ausgespannt, wo sie auf der Insel der Seligen weiden können. Helios selbst fährt nächtens auf dem Strome Okeanos, der die gesamte Welt umfließt, auf einer Fähre, die ihm Hephaistos gebaut hat und auf die er sein Gespann verladen kann, zurück in den Osten. In diesen Höhen und in dieser Umgebung ist meine Phantasie noch ausgeprägter, und ich sehe deutlich den Sonnengott in unermüdlicher Reise vor mir.

Wir müssen uns beeilen, das Schauspiel des Abschieds Helios’ nicht zu versäumen. Aber unser Fahrer schafft es nicht mehr rechtzeitig. Schade drum! Ein paar Minuten haben wir uns verspätet, und der qualmende Gipfel frisst uns die letzten Sonnenstrahlen weg. Wie dumm! Dem ungeachtet versöhnen uns die etwa 500 m entfernten Hauptkrater mit gewaltigen Rauchfontänen in ununterbrochener Abfolge.

Uranos, der Urenkel Hephaistos, mickriger Sohn von Zeus und Hera, den Hera ob seiner Hässlichkeit sofort nach dessen Geburt vom Olymp hinabgeschleudert hat, und er sich dadurch auch noch beide Beine brach, kompensiert seine Hässlichkeit und Verkrüppelung offensichtlich durch Workaholic und unermüdlichen Fleiß. Unentwegte Anfeuerung im Erdinneren lässt diesen Vergleich zu. Er fertigte mit Ausnahme des Dreizacks Poseidons geniale und komplizierte Kunstwerke an, wie etwa wundervollen Schmuck, den Verführungsgürtel seiner Gemahlin Aphrodite, Waffen, aber auch die Fähre von Helios aus reinem Gold, und die vollkommen geformte, wunderschöne Pandora aus Ton, die aber Zeus dumm, faul und böse im Inneren geraten lässt. Äußere Vollkommenheit und grenzenloses inneres Übel umarmen sich auf diese Weise in ihr. Exakt das Gegenteil von ihrem Schöpfer.

Die Kälte auf knapp 3000 m macht uns zu schaffen. Der Wind bläst in ununterbrochener Abfolge und unsere Finger sind so klamm, dass wir nicht imstande sind, unsere Kapuzen zuzubinden. Das Gesicht ist ebenfalls durchfroren und wir haben Mühe uns zu verständigen, weil unser Mund offensichtlich in Froststarre verharrt. Dabei hat es angeblich plus fünf Grad Celsius. Durch orkanartigen Wind haben wir das Gefühl, als befänden wir uns in zwanzig Grad tiefer Temperaturzone.

Kaum ist die Sonne verschwunden, überfällt uns die Dämmerung so rasch, dass wir uns beeilen müssen, in unser Gefährt zu gelangen. Durch das dunkle Lavagestein wirkt rundherum alles noch dunkler und düsterer. Man kann keinerlei Umrisse mehr erkennen, nichts hebt sich von der Finsternis ab. Ich stelle mir vor, hier oben die Nacht allein verbringen zu müssen und erstarre bei diesem Gedanken wie die erkaltete Lava rings um mich. Es wäre unmöglich, einen kälteschützenden Krater ausfindig machen zu können, ja selbst einige Schritte hätten fatale Folgen. Wie leicht könnten wir in eine der unzähligen Abgründe stürzen! Im warmen Bus verscheuche ich rasch diese finsteren Gedanken. Die Scheinwerfer leuchten ganz gut den Fahrweg aus. Trotzdem ist mir ein wenig mulmig, weil ich weiß, dass die Kraterränder links und rechts des Weges so ungemein steil abfallen. Wehe uns, ein wenig vom Weg abzukommen!

 

Dem russischen Kind hinter mir ist es jetzt so übel, dass es erbricht. Saurer Geruch vom Erbrochenen zieht sich in unsere Sitzreihe. Hoffentlich sind wir bald da!

Etwa eine halbe Stunde dauert die direkte Fahrt hinunter zur Station. In einem der beiden Restaurants nehmen wir alle zusammen das Abendessen ein, wobei ein Dokumentarfilm über den Ätna mit gigantischen Eruptionen das soeben gerade Erlebte in unserem Bewusstsein noch um ein vielfaches verstärkt und es damit noch glaubwürdiger, echter erscheinen lässt.

Mit dem Bus fahren wir anschließend wieder die Serpentinenstraße hinunter und können die hell erleuchteten Orte am Fuße des Ätnas von oben noch genügend bewundern. Es war ein Erlebnis, das ich sicherlich nie vergessen werde. Noch einmal lasse ich die Reise Revue passieren, und schweife gedanklich zu Polyphem, Sohn des Poseidon, der seine unbändige Freude und sein Entzücken durch glühende Lavamassen, die er aus dem Schlund seines gigantischen Rachens stößt, ausdrückt. Immerzu, immerfort, Stoß um Stoß, umarmt von riesigen Rauchfontänen, leuchtet die alles vernichtende Glut. Entferntes Grollen, es mag vielleicht sein unbändiges Gelächter sein, klingt dazu wie tiefster Bass. Wie betört mag er wohl vom Zauber seiner Macht sein, wenn dicke Glutströme, Freudentränen des einäugigen, von Odysseus geblendeten Zyklopen gleich, sich immerfort über erkaltetes Lavagestein ergießen.

Typhon, der 100-köpfige Riese, wird nach wie vor von Gottvater Zeus im Schlund des Berges festgehalten und schnaubt darob wutentbrannt über seine Inhaftierung, indem er die Lohe in unermüdlicher Sequenz über glühende Gesteinsmassen schleudert. Vielleicht unterhält auch Hephaistos seit Anbeginn aller Zeiten seine Schmiedewerkstätte dort im Inneren des Berges, und wenn er das Feuer anfacht, steigen gewaltige Rauchsäulen gen Himmel.

Ebenso einleuchtend wäre mir, dass etwa Hades mit Persephone tief im feuerspeienden Bergesinneren die Seelen der Verstorbenen hüten, während Demeter auf der verzweifelten Suche nach ihrer Tochter Fackeln der Verzweiflung entfacht, um sie gegebenenfalls auch des nachts zu finden. In manch sternenklaren Nächten, wenn leichter Wind aus günstiger Richtung weht, kann man das wehmütige Klagen und vergebliche Rufen der Korngöttin vernehmen, die erst wieder ihre, der Unterwelt verfallenen Tochter Persephone, im Frühjahr als Kore bei sich haben darf.

Gleichwohl aller genannten mystischen und mythischen Hintergründe und Ursachen der seit ewigen Zeiten stattfindenden Eruptionen des Mongibello, bin ich fasziniert von den unbeschreiblichen Kräften, die dieses Naturschauspiel hervor zu rufen vermag, das scheinbar unter göttlicher Patronanz bis zum Jüngsten aller Tage bestehen wird.

 

Matthäus Merian, (1593-1650),  schweizerischer Kupferstecher; aus „Theatrum europaeum“, 1662-1672 schrieb:

Zitat: Sicilien erbebete und zitterte über der Entzündung des Berges Ätna, heutigen Tages Monte Gibello genannt, vor welcher ein schweres Erdbeben mit einer wundersamen Bewegung gemeldten Bergs dahergienge, welches die Stadt Catanea zwar am härtesten betraff; aber der umligenden Landen nicht verschonete, dass darüber die Leute in ihren Häusern zu bleiben sich nicht getraueten, sondern auffs flache Feld flüchteten, damit nicht die Dächer ihre Grab-Steine und die Häuser ihre Gräber seyn möchten. Unter  annderen ward der Flecken Nicolosi durch dieses Erdbeben jämmerlich zugerichtet; und mittlerweile die Einwohner ihre geringe Armuth auffs Feld mit genauer Noth zu salviren vermeynten, wurden hinter ihnen her die Häuser zerstossen und übern Hauffen geworffen, dass sie sich also unterm freyen Himmel und dem schröcklichen Stäuben der Aschen auffhalten musten und doch sich nicht sicher befanden. Und weil sie sahen, dass sich die Erde an unterschiedenen Orten auffzuthun begunte und verschlungen zu werden beförchteten, begaben sie sich Hauffen-weise nach Catanea zu.

 

 


Gedicht für Bibliothek Deutschsprachiger Gedichte wurde angenommeNachricht vom 2016-09-15 14:10:08

Ich habe erst unlängst berichtet, dass ich bei einem Gedichtewettbewerb 2016 in der Bibliothek Deutschsprachiger Gedichte teilgenommen habe, und ein wunderbares Basisgutachten darüber erhalten habe. Allerdings war dazumal noch unsicher, ob es auch ausgewählt werden würde.

Nun ist es amtlich: Ich bin dabei. Das Cheflektorat hat meinen Beitrag angenommen.

Mehrere tausend Einsendungen gab es, und mein Beitrag "Stimmung in der Provence" wird in "Ausgewählten Werken XIX" in einer Anthologie erscheinen.

Ist für mich ein großer Erfolg, und ich freue mich darüber sehr.


Auszug aus meinem etwas anderen Reisebericht über SizilienNachricht vom 2016-08-30 08:30:43

Vielleicht eine Inspiration für die nächste Reise?

 

 

Auszug aus „SIZILIEN – auf Götterspuren wandeln“ von Gerda Hillebrand.

 

TAORMINA - Acireale – Castelmola –

 

Die Götter sind nicht gestorben:

Unsere Vision von ihnen ist gestorben.

(Fernando Pessoa)

 

Das nächste Ziel unserer sizilianischen Reise heißt Taormina, die „Perle Siziliens“. Dieses paradiesische Juwel haben wir für unsere letzte Urlaubswoche, sozusagen als krönenden Abschluss, auserkoren. Auf der Fahrt dorthin stellte sich uns im wahrsten Sinne des Wortes Acireale in den Weg, eine Stadt, die sich naturgemäß mit Geschichten und Legenden vereinen lässt, so wie die meisten Städte Siziliens. Der Namensursprung liegt in der Mythologie von Vergil und Ovid begraben:

Der junge Hirte Aci liebte die schöne Nymphe Galatea. Der einäugige Kyklop Polyphemus, der auf dem Ätna hauste, verliebte sich unsterblich in das Mädchen, das ihn jedoch nicht erhören wollte. Aus Eifersucht tötete Polyphemus seinen Rivalen Aci, indem er ihn gegen einen Felsen stieß. Der Felsen zerbarst, wobei einige Felstrümmer im Meer landeten, wo sie heutzutage noch gut sichtbar aufragen.

Die Tränen Galateas jedoch verwandelten sich in einen Fluss namens Aci, der heute verborgen, unter Lavaströmen verläuft.

Ist das nicht eine wunderbare Metapher zu der rührseligen und heimlichen Liebesaffäre?

 

Endlich Taormina! Welch harmonischer Klang! Worte können nicht den Liebreiz und die Schönheit dieser Stadt ausdrücken. Hier haben bei der Entstehung dieses Landstriches Götter gewirkt. Keine einzige Stadt, die ich in Sizilien bereiste, zeichnet sich durch so viel Flair und Atmosphäre aus, wie Taormina. An der Ostküste, über dem ionischen Meer, liegt auf einer Felsterrasse die antike Stadt, gleichwohl als Garten Eden.

Ich kann es nicht lassen, ein wenig in die Vergangenheit abzutauchen und mir vor meinem geistigen Auge die unterschiedlichen Machthaber kurzfristig zu gegenwärtigen.

Grausame Tyrannen waren für Blutvergießen und Sklaverei verantwortlich. Im ersten Sklavenkrieg 132 v. Chr. war Taormina die Hauptfestung für Sklaven. Im 19. Jhdt. kürte man Taormina zum Luftkurort. Als Winterdomizil mitteleuropäischer Großbürger und Intellektueller machte es sich einen Namen. Das Flair, das schon vor dem Ersten Weltkrieg hier spürbar war, ist bis heute erhalten. Die Stadt präsentiert sich uns in unglaublich sauberem Zustand. Erstklassig erhaltene Gebäude machen klar, dass eine Revitalisierung möglich ist. Unzählige Touristenströme, die tagtäglich die Straßen auf- und abflanieren, stören absolut nicht. Ganz im Gegenteil. Die Besucher gehören einfach hierher. Taormina ohne Touristen wäre wie ein Restaurant ohne Gäste, ein Wald ohne Bäume, Sizilien ohne Ätna ... unausdenkbar!

 

Wie überall auf der Insel ist der Götter Odem spürbar. Sogar intensiver als anderswo auf Sizilien. Auf einer Anhöhe, umgeben von Palmen und Kakteen, unter mir die Gischt des grünen Ozeans, höre ich das ferne Rauschen des Meeres wie ein Liebesgeflüster zwischen Aphrodite, der Schaumgeborenen, und Ares, dem Kriegsgott. Dieser Vereinigung entstammt Eros, dessen Name den Wert dieser Liebe in sich birgt. Euphorisch wandle ich gemeinsam mit Gottvater Zeus und seiner klugen Frau Hera, Händchen haltend, wie frisch Verliebte in Sphären, die normal Sterblichen verwehrt sind. Demeter, die Korngöttin, mit Tochter Kore oder Persephone, nicht mehr unglücklich umherirrend, denn sie haben ja einander für kurze Zeit wieder! Apollo, Gott des Lichts und der Heilung gemeinsam mit der weisen Athene. Welch sich ergänzendes Bündnis! Halbgott Herakles, der vor Kraft strotzende, will es mit Polyphem, dem einäugigen, geblendeten Kyklopen aufnehmen, Seite an Seite mit Odysseus, seinem listigen Blender. Nicht zu vergessen Hephaistos, Gott des Feuers und der Schmiede und Hades, der Wächter der Unterwelt, beide zu Hause in den Tiefen des Ätnas. Als hielten sie allesamt schützend ihre Hände über Taormina und erfreuten sich dabei an Zeusens gelungenem Schöpfungswerk.

Wenn abends der mächtige Ätna seine glühenden Fontänen stolzgeladen in den Äther schleudert, sind es Eruptionen der Zustimmung und maßloser Freude. In narzisstisch heischender Anerkennung versucht er seine absolute Macht zu demonstrieren. Trotzdem verleiht er diesem Landstrich eine göttliche Note. In diesem infernalen Szenario versucht Orpheus seine Eurydike dem Hades zu entreißen. Die Glut der Lava, als Sinnbild für die Glut unsterblicher Liebe?

Man muss Taormina erleben, im Spüren, Riechen, Hören und Sehen, dann kann man dem Naturschauspiel voller Glanz und vollendeter Schönheit berechtigtes Lob zollen. Worte hingegen vermögen es sicherlich nicht.

Beeindruckend an dieser Stadt ist die beispielgebende Stadtpflege, die aufopfernde Erhaltung historischer Bauten und Wohnhäuser, die makellose Sauberkeit auf Straßen und Gassen. Nirgendwo sonst auf der Insel ist dies auch nur annähernd der Fall. Taormina zählt zehntausend Einwohner, hat aber eine Nächtigungszahl weit über eine Million im Jahr. Umso bemerkenswerter ist die sorgsame Instandhaltung der Kulturdenkmäler, aber auch der Wohngebäude, die allesamt Palästen ähneln. An keinem Ort in Sizilien wurde darauf so großes Augenmerk verwendet. Nirgendwo der morbide Charakter, der uns sonst auf Schritt und Tritt umgeben hat.

Auf der Terrasse unseres Hotels, ähnlich einem Podium über dem Meer, ist besonders abends der Ausblick nach Naxos eine Herausforderung an Gefühlen. Ein Lichtermeer im Meer, vielfach widerspiegelndes, funkelndes Wasser, unzähligen Diamanten gleich. Naxos im goldenen Glanz, als hätte es Polyphem soeben ausgespien. Die aufsteigenden feinen Nebelschwaden, die wie wandelnde Geister anmuten, beleben diesen Eindruck hundertfach.

Bis weit nach Mitternacht saß ich auf unserer Hotelterrasse und konnte den Anblick an diesem Schauspiel nicht abwenden. Was mir dabei alles durch den Kopf ging? Im Grunde genommen überhaupt nichts. Mein Kopf war leer, meine kleinen grauen Zellen hatten sich zur Ruhe begeben. Lediglich mein Herz, der Sitz meiner Sinne, genoss jeglichen ernüchternden Augenblick entrückt. Ich war abgehoben in dieser wohligen Stimmung der mentalen Leere, obwohl ich von den Eindrücken beinahe überschwappte. So fühlt sich hemmungsloses Glück an, wahre paradiesische Magie. Der Zustand war mir bislang fremd. Diese Stadt hat mich verzaubert.

 

Die Anreise zu unserem Hotel hatte sich Stunden vorher für mich zu einem Martyrium herauskristallisiert, weil Taorminas Stadtzentrum verkehrsfrei gehalten wird. Die Tatsache, unser Hotel lediglich über ein so enges Nadelöhr erreichen zu können, vergällte mir vorerst einmal die Freude auf die Stadt. Bei der „Jungfernfahrt“ in unser Hotel war ich einem Nervenzusammenbruch nahe und befürchtete allen Ernstes, aus dem winzigen Mietauto nie mehr im Leben entkommen zu können. Eingeschlossen zu bleiben, mich auf ewige Zeiten in diesem Szenario auf grausamste Art und Weise, nämlich verhungern und verdursten sah, obwohl mir ringsherum die Gerüche der besten sizilianischen Gerichte in die Nase stiegen. Das ließ mich angstvoll erkennen, dass unser inniges Verhältnis zum Auto, unser kritisches zum Straßenverkehr, aber vor allem auch die Kunst, des Mannes liebstes Spielzeug auch beherrschen zu können, einer grundlegenden, ernsthaften Überdenkung bedarf. Mein Mann, relativ aufgebracht über meine ungenügende, beifahrerische Lotsenbereitschaft merkte so nebenbei an, dass hinter uns eine überdimensional große Taxilimousine, Marke Mercedes, durch diese „hohle Gasse“ ohne Schwierigkeiten hindurch fuhr. Da durchzuckte mich plötzlich der irrwitzige Gedanke, ob nicht vielleicht doch unser Fahrvermögen einer Auffrischung durch sizilianische Lehrmeister einer lebensnotwendigen Überlegung wert sei. Allerdings behielt ich diese essenzielle Weisheit für mich.

Die Corso Umberto aber auch die Via Roma ist am Abend von flanierenden, spazierenden, promenierenden, einkaufenden und besichtigungswütigen Menschen oft so zugepfercht, dass man sich nur mühsam im Tross weiterbewegen kann, was eigenartigerweise hier in dieser Stadt absolut nicht unangenehm ist. Im Gegenteil, diese Menschenmassen gehören hierher. Sie beleben, im wahrsten Sinn des Wortes, die dicht gedrängten Straßen durch die unterschiedlichsten Menschentypen und deren Sprache. Ein multikulturelles Intermezzo auf den verkehrsfreien Straßen ab Einbruch der Dunkelheit bis weit nach Mitternacht begleitete uns hier allabendlich.

Abends saßen wir dann bei einem Krug offenen Rotweins, aßen dazu die uns dargereichten Nussvariationen und beobachteten interessiert und leicht illuminiert die vorbeiziehenden Menschenmassen. Wie gut es sich hier leben lässt, obwohl das Preisniveau zum übrigen Land, das auch schon beträchtlich hoch ist, eine gewaltige Dimension erreicht. Doch für diese Stimmung zahlten wir gerne mehr!

 

Taorminas berühmteste Sehenswürdigkeit ist das Teatro Greco, obwohl es sich in der heutigen Form eher um ein römisches Theater handelt. Es wurde unter Hieron II. von Syracuse im 3. Jhdt. v. Chr. angelegt und im 2. Jhdt. n. Chr. durch die Römer komplett neu errichtet. Hier fanden die grausamen Gladiatorenkämpfe statt.

Als würde mich eine unbekannte Macht mitten in das barbarische Geschehen befördern, fühle ich das Grauen, rieche ich die Hitze des Todes, sehe die angsterfüllten, weit aufgerissenen Augen jener, die ihren letzten Atemzug aushauchen.

Mein Gott! Überall Blut, das in Rinnen aus der Arena abgeleitet wird. Hungrige Löwen in Käfigen, die sich sogleich nach Öffnen der Käfigtür wütend und schnaubend auf die menschlichen Opfer stürzen, denen jede Chance auf das Überleben verwehrt ist. Ich möchte diesem grausamen Schauspiel ein Ende bereiten, indem ich meinen Daumen gen Himmel zeige. Vergebens! Der Pöbel grölt und möchte seinen blutrünstigen Spaß nicht missen. Ich löse mich nur zu gerne meiner grauenvollen Vision und lasse stattdessen meine Blicke in die traumhafte Kulisse rund um mich schweifen. Zum Glück gelingt es sofort!

Die Fernsicht von diesem höchsten Punkt Taorminas in die Umgebung ist noch ausgeprägter als im Ort, weil der Ausblick durch die runde Form der Anlage in jede Himmelsrichtung offen ist. Im Nordwesten der Stadt thront mächtig und nicht zu übersehen, der Ätna, liebevoll, jedoch mit Respekt, von der Bevölkerung „Mongibello“, (Berg-Berg arab.-lat.) benannt. Ansonsten umschließt das Meer beinahe gänzlich die in etwa 350 Meter Höhe befindliche Theateranlage.

Wie wohl mussten sich die Götter hier gefühlt haben! Die Korngöttin Demeter bewies es auch beispielhaft in der Fruchtbarkeit dieses Landstriches.

Die Fahrt mit dem öffentlichen Autobus nach Castelmola, einem romantischen Bergdorf etwa fünf Kilometer von Taormina entfernt, ist ein besonderes Fahrerlebnis, wohl bedingt durch die steile Serpentinenstraße, die der Lenker durch den typischen sizilianischen Fahrstil bewies. Dabei sollte niemals ein Gedanke auf ein eventuell entgegenkommendes Fahrzeug verschwendet werden. Die selbstverständlich nicht abgesicherten steilen Abhänge durch Leitplanken stellen eine Mutprobe der besonderen Art dar. Wer das psychisch und physisch unbeschadet übersteht, dem kann eigentlich nicht mehr viel passieren.

Das Dorf liegt in 529 Meter absoluter Seehöhe und ist von einer mächtigen Stadtmauer umschlossen. Den Retourweg legten wir – aus oben beschriebenen verkehrstechnischen Gründen - teils auf asphaltierten Straßen und Gehwegen, teils über gut begehbare Stufen in einer wunderbaren Landschaft mit Zitronen-, Orangen- und Granatapfelbäume umsäumter Gärten, mit vereinzelten, sehr eleganten Wohnhäusern bestückt, per pedes, mit unsichtbarem Geleit der Götter, zurück. Hier wohnt die Creme de la Creme, weit abgelegen jeglichem Verkehrsgetümmels und unzähliger Menschenströme, überaus ruhig und einsam. Natur pur sogen wir in uns auf und tief unter uns wogte tiefblau das ionische Meer.

 

Dann saßen wir am Strand, auf den typischen steinernen Bänken, deren Fels aus den Steinbrüchen der Vorgebirge Palermos stammen, gehauen von versklavten Gefangenen. Wir blickten gebannt und beeindruckt, schlimm müde geworden vom langen Marsch, auf das kristallklare Wasser des Ozeans hinaus.

Ein klein gewachsener Mann, kaum größer als einen Meter sechzig, schlenderte, vorerst von uns unbemerkt, auf eben derselben Uferpromenade, die wir abgegangen hatten, knapp hinter uns. Er blieb stehen, um sich gleichermaßen dem Anblick der Schönheit dieses Gewässers hinzugeben. Er war, wie erwähnt, ziemlich klein von Statur, zudem trug er eine abgewetzte, alte, braune Aktentasche. Warum mir meine Inspiration befahl, mich eingehender auf dieses menschliche Wesen zu konzentrieren, vermag ich heute nicht mehr zu erklären.

Es traf mich wie ein Keulenschlag, als ich ihn näher beobachtete, und dabei ein mir wohlbekanntes Gesicht, s e i n Gesicht, das mir nun gänzlich zugewandt war, erblickte. Obwohl er etwa fünfzig Meter von uns entfernt stand, konnte ich seine Gesichtszüge sehr präzise ausnehmen. Da stand er…, die gleiche Erscheinung, der gleiche Schritt mit dem typischen, leicht angedeuteten Hinken, das ihm der Zweite Weltkrieg beschert hat, weil er an der russischen Front ein Bein verloren hatte, und dadurch zum Prothesenträger wurde. … Das Ebenbild meines Vaters! Entgeisterte Betroffenheit machte sich in mir jedoch erst durch die auffallende Ähnlichkeit seiner Gesichtszüge breit. Die römische Hakennase, auf die er in besonderer Weise stets stolz war, der schmale, ovale Gesichtsschnitt, das dunkel gewellte, volle Haar, das Vater trug, als er noch jünger war und damit seinem Aussehen große Ähnlichkeit mit einem Südländer verlieh. Selbst die unkonventionelle Art sich zu kleiden, entsprach der Gewohnheit meines Vaters. Genau so sah Vater vor vielen Jahren aus. Auch die Liebe zum Meer dieser Gestalt in unserer unmittelbarer Nähe war offenkundig unverkennbar dieselbe Besonderheit, die meinen Vater kennzeichnete.

Jener Mann dort am Ufer blickte ebenso interessiert zu mir herüber, wie ich zu ihm. Ein vages, verlegen angedeutetes Lächeln voll Erstaunen, aber auch der Freude, gleich dem Vaters, wenn er langjährige, gute Freunde unvorhergesehen antraf, umspielte seine Lippen.

Mir zog es einen Kälteschauer bei einer Außentemperatur nahe der Dreißig-Gradmarke auf, teils vor Fassungslosigkeit, teils vor erfreuter Erregung. Was hatte Vater denn hier am Ufer Taorminas, keine hundert Schritte von uns entfernt, zu suchen? Warum lächelte er mich flüchtig überrascht an, so als wäre es das Selbstverständlichste auf der Welt, uns hier anzutreffen? Warum kommt er uns nicht näher, bleibt dort angewurzelt stehen und schmunzelt nur? Wie kann das denn nur sein? Vater ist seit Jahren … tot! Hat mich die Mystik hier im fremden Land bereits eingeholt? Fährt meine Fantasie mit mir Ringelspiel? Ist dieser Landstrich etwa gar der Vorhof ins Paradies? Ich bin versucht, es anzunehmen.

Der Mann machte nach einigen Minuten auf seinem Absatz kehrt und ging wieder denselben Weg, den er zuvor kam, ohne einen Blick zurückzuwerfen. Das Szenario war nach etwa drei Minuten vorüber.

Selbst mein Mann, den ich darauf aufmerksam machte, war von der Ähnlichkeit verblüfft. Aber sein Realitätssinn setzte sich durch, und er tat es als reinen Zufall, als Tatsache eines beiläufig anwesenden Doppelgängers meines Vaters ab. Ich jedoch wollte in meiner Überzeugtheit, dass es sich bei dem Mann tatsächlich um meinen Vater handelte, jenem Menschen intuitiv folgen, ihn ansprechen, wollte wissen, was er hier, außerhalb seiner Zeitlosigkeit unternehme, ob er mir etwas Bestimmtes mitteilen wolle. Aber ich schämte mich meiner esoterischen Anwandlung wegen vor meinem Mann, wollte nicht lächerlich wirken und führte aus diesem Grund leider mein Vorhaben nicht durch.

Wenige Sekunden später suchte ich nach der Erscheinung, um mich zu vergewissern, wohin sie sich aufmachte. Aber sie war so plötzlich verschwunden, wie sie gekommen war. Nun bereute ich meine untätige Handlungsweise. Ich hätte diesen Mann ansprechen müssen, damit Gewissheit erhalten, dass es sich um einen mir gänzlich fremden Menschen handelte. Mit Sicherheit hätte sich diese Rätselhaftigkeit in einer verständlichen Erklärung aufgelöst. Doch im Eldorado der Mythen, Mysterien und Legenden scheint wohl alles möglich zu sein.

Bei Zeus und anderen Gottheiten, ... in deren Mitte sich allenfalls auch mein lächelnder Vater bewegt! … Die transzendente Episode auf diesem einzigartigen Flecken unseres Planeten scheint euch nachhaltig geglückt zu sein! Danke für diese geheimnisvollen Begegnungen.

 

 

 

 

 


Basisgutachten für mein GedichtNachricht vom 2016-07-18 17:47:44

Die Bibliothek Deutschsprachiger Gedichte hat mir ein Gutachten für ein von mir eingereichtes Gedicht erstellt, das mich in Euphorie, und Stolz, versetzte. Ich muss es unbedingt hier abdrucken:

"Die Bilder der Natur sind Ihr Anliegen. Die Jury hat sich ausführlich mit den wichtigsten Aspekten (den sprachlichen, inhaltlichen, poetischen und kreativen) Ihres Gedichtes "Stimmung in der Provence" auseinandergesetzt.

Der Text, mit dem Sie am Wettbewerb teilgenommen haben, schafft mit eigenständigen Einfällen eine Sprachschöpfung, die man mit Fug und Recht als gelungen bezeichnen kann. Sie haben es verstanden, Ihre Botschaft klar zu vermitteln. In punkto Bildgestaltung ist ein ungewöhnlich großes Sprachgefühl wahrnehmbar. Am ansprechendsten fand ich in dieser Hinsicht "Der Duft des Lavendels wiegt mich friedvoll in Schlaf".

Insbesondere überzeugt hier, wie Sie den Bogen von der allgemeinen Naturbetrachtung zum individuellen Erleben spannen. Als Resümee kann ich sagen, dass sich Ihr überdurchschnittliches lyrisches Können zeigt. Hinsichtlich Ihrer dichterischen Zukunft möchten wir Ihnen ausdrücklich Mut machen, weiterhin Ihren Weg zu verfolgen - dass Sie Ihr "poetisches Handwerk" bereits beherrschen, ist offensichtlich. Im Ganzen zeigt Ihre Leistung schon ein sehr ausgewogenes, anerkennenswertes Bild, vermehrtes Augenmerk sollten Sie jedoch auf die Pflege Ihrer Erfindungsgabe richten.

Ich darf Ihnen mitteilen, dass ich Ihr Gedicht zur Entscheidung über die Aufnahme in die nächste Anthologie-Buchausgabe an das Lektorat der Bibliothek deutschsprachige Gedichte weitergeleitet habe. Es wird sich mit Ihnen im Septembeer in Verbindung setzen. Falls die Jury Ihnen einen der Preise zuerkennt, werden wir Sie noch eigens benachrichtigen. Die Preisträger werden dann außerdem im Internet und in der nächsten Buchausgabe veröffentlicht.

Ich wünsche Ihnen eine nicht nachlassende weitere Arbeit am lyrischen Ausdruck.


FROHE OSTERNNachricht vom 2016-03-06 09:00:50

frohe Ostern


FROHE WEIHNACHTENNachricht vom 2015-12-23 12:07:05

Ich wünsche ein friedvolles und geruhsames Weihnachtsfest inmitten Eurer Lieben. Der kommende Jahreswechsel zum 2016er möge unkompliziert und "bedächtig" verlaufen. Christmas 2014


HERBSTNachricht vom 2015-11-10 08:04:10

 

Impressionen:

 

H E R B S T

Gerda Hillebrand

 

In schillernden Farben präsentieren,

stürmisch die Tage beschließen,

um in Nächten Kraft zu tanken

für die wenigen Morgen.

Silbrig glänzende Fäden über Blattwerk weben,

die sich im Sonnenlichte wiegen

und glitzerndes Gefunkel verheißen.

Glaubhafte Schimäre –

ein Aufbäumen im Sterben.

 

SPÄTHERBST

Blätter, die Trauer tragen,

wenn die Nebelschleier sie umarmen.

Die Tage kurz, die Nächte länger innehalten,

die Dunkelheit allumfassend erscheint.

Die grenzenlose Stille so laut,

dass die Ruhe gespenstisch wirkt.

Modergeruch die Luft erfüllt,

Feuchte in alle Ritzen zieht.

In warmen Stuben

metaphorische Selbstbesinnung –

der Reigen von

Tod und neuem Leben!


Herr Viel und Frau NichtsNachricht vom 2015-09-08 10:51:50

 

aus aktuellem Anlass der Flüchtlingstragödien weit und breit:

Bewusst habe ich diesen Beitrag stilistisch einfach gehalten, weil er eben auch für Kinder gedacht ist. Vielleicht wird er aus diesem Grund auch  literarisch nicht so gerecht sein, wie es erwartet wird.

Die vielen Viels sind Absicht, weil sie im Kontext zum Titel stehen.

 

 

HERR VIEL UND FRAU NICHTS

Ein Märchen für Jung und Alt

von Gerda Hillebrand

 

 

Herr Viel wohnte einst in der Kleinstadt Viel mit vielen Bürgern, die den Namen Viel trugen. Um sie voneinander unterscheiden zu können, hatte Herr Bürgermeister Viel die viel hochgeschätzte und allseits bejubelte Idee, den vielen Viels seiner Gemeinde eine Zahl zuzuteilen, um sie voneinander unterscheiden zu können: Herr Viel1 – der Bürgermeister selbst - Frau Viel2 und so fort, bis zu Herrn Viel12000.

Frau Viel2 etwa war die Kinderärztin des Städtchens und hatte überaus viel zu tun. Viele Kinder wurden von ihr behandelt. Manchmal wurde die Stadt von epidemieartigen Kinderkrankheiten heimgesucht. Aber die viele Arbeit führte zur angenehmen Nebenerscheinung, dass Frau Dr. Viel2 ordentlich Geld scheffelte und sich viele Dinge leisten konnte.

Herr Viel3 wieder war der Priester der Gemeinde, der den vielen Viels die Messe las, die Kommunion spendete und leider auch immer wieder den allerletzten Segen bei den Beerdigungen erteilte. Herr Pfarrer Viel3 war sehr anerkannt unter seinen Schäfchen, so dass er seine vielversprechende Tätigkeit sehr genoss.

 

Die Stadt nebenan hieß Nichts und wies ebenfalls 12000 Bewohner auf. Frau Bürgermeister Nichts befleißigte sich der gleichen Idee, wie der des Herrn Bürgermeisters Viel, und so gab es Frau Nichts1, Herrn Nichts2, bis zu Frau Nichts12000.

Wie im Nachbarort Viel durfte Frau Bürgermeister Nichts die Nummer 1 sein.

Herr Nichts2 war der Kinderarzt der Gemeinde. Er hatte nichts zu tun, obwohl sehr viele Kinder immer wieder krank waren, deren Eltern sich aber die Behandlung nicht leisten konnten. Herr Dr. Nichts2 war demnach auch nicht vermögend, wodurch er sich auch nichts leisten konnte.

Frau Nichts3 war die Pastorin der kleinen Stadt. Sie las die Messe für die Bewohner, spendete die Kommunion und erteilte den Verstorbenen den letzten Segen. Davon gab es leider auch immer ausreichend viele, weil die Menschen sich nicht gut ernähren konnten und deshalb sehr oft sehr krank wurden und allzu früh starben.

 

Allen Viels war es vergönnt, viel zureisen, so auch ins benachbarte Nichts. Allerdings durften die Leute aus der Stadt Nichts nicht zu ihnen nach Viel. Vor dem Stadttor errichteten die Gemeindearbeiter einen dicken Schranken, den sie mit rigoroser Strenge durch einander abwechselnde Viels bewachten. Dadurch war es den Leuten des Nachbardorfes unmöglich, auch nur die kleine Zehenspitze nach Viel zu strecken. Sofort waren die Wachposten zur Stelle und verhafteten jeden, der auch nur gedanklich die Grenze überschritt. Das betrübte natürlich die Leute aus dem Nichts sehr, aber die Vorschriften waren durch nichts zu durchbrechen.

 

Eines Tages wanderte Herr Viel25, wie so oft bei Schönwetter, nach Nichts, weil das für ihn ja gestattet war, und es ihm außerdem viel Spaß bereitete. Er durchstreifte die Waldlandschaft, spazierte über die kahlen Felder, durchforstete jeden Hügel, beäugte die armseligen Häuser neugierig und machte sich dabei viele Gedanken.

Warum war hier alles so trostlos? Sogar der Wald schien ihm beklagenswert. Das Laub der Bäume rauschte eine betrübliche Melodie, das Wasser des Baches plätscherte als würde es vor sich hin jammern. Die Blumen hatten ihre Köpfchen gesenkt, als mochten sie weinen. Die Vögel zwitscherten zwar, aber ihre Lieder klangen viel zu traurig.

In einem kleinen Waldstück setzte er sich auf einen Baumstumpf, packte sein Jausenbrot aus, weil er durch das Herumstreifen stets viel Hunger hatte.

Das Brot war bestrichen mit viel Butter, darauf lag viel Wurst, auf der Wurst wieder war viel Mayonnaise gestrichen in der viele Gurken- und Tomatenscheiben klebten.

Dadurch war das Brot ziemlich dick und Herr Viel25 hatte ordentliche Schwierigkeiten das Brot zu verschmausen. „Eigentlich muss ich mir ernsthaft überlegen, einen viel größeren Mund für uns zu erfinden“, sagte er zu sich selbst. Denn Herr Viel25 war ein bedeutender Erfinder.

Als er gedankenverloren auf sein dickes Brot stierte, hörte er plötzlich neben sich ein Geräusch. Als er aufblickte, gewahrte er unweit von ihm entfernt eine junge Frau, ebenfalls auf dem Stumpf eines Baumes sitzend. Sie starrte äußerst verwundert sein dickes Brot an, als hätte sie offensichtlich so etwas noch nie gesehen. Dabei raschelte sie nervös mit ihrem Papier, in welchem ihr Jausenbrot gewickelt lag.

Herr Viel sah wiederum erstaunt auf ihre Jause, denn auf der hauchdünnen Brotscheibe lag nichts. Nicht Butter, nicht Wurst, nicht Mayonnaise, nicht Gurken und Tomaten. Sie hatte nur ein winziges Stückchen trockenen Brotes bei sich.

Herr Viel25, ein gutmütiger, junger Mann, war neugierig geworden, deshalb stellte er sich der Unbekannten vor, um vielleicht auch ihren Namen, oder allenfalls nähere Details über sie zu erfahren.

„Gestatten Sie, meine Dame, Herr Viel25. Ich wohne in Viel, kann viel, besitze viel, esse viel, trinke viel, wiege viel, lese viel, reise viel und lerne viel. Und diese Eigenschaften treffen auch auf meine vielen Mitbewohner zu“.

Nach seinem letzten Wort benetzten jäh reichlich Tränen das Antlitz der jungen Frau. Mit weinerlicher Stimme stellte sie sich ebenfalls vor:

„Mein Name ist Nichts25. Ich wohne in Nichts, kann nicht viel, habe nichts, esse nicht viel, trinke nicht viel, wiege nicht viel, lese nicht viel, reise nicht und lerne nicht viel. Und das alles trifft auch auf meine Mitbewohner zu“.

Da wurde Herr Viel25 sehr nachdenklich, denn aus unerklärlichen Gründen wurde ihm ziemlich warm ums Herz, und er hatte viel Mitgefühl mit der jungen Frau Nichts25. Außerdem gefiel sie ihm auf Anhieb sehr.

Dann tat er etwas, was er noch nie in seinem ganzen Leben getan hatte:

Er gab ihr die Hälfte seines reichlichen Brotbelages, und beide hatten plötzlich von allem etwas. Da kam dem klugen Erfinder Viel25 die Idee, dass man in seinem Wohnort gesetzlich festschreiben sollte, von den vielen Errungenschaften und Kostbarkeiten seiner Heimatgemeinde, der Stadt Nichts etwas abzugeben. Diese Gedanken behielt er zunächst noch bei sich.

Die nächsten Wochen besuchte Herr Viel25 regelmäßig Frau Nichts25 und brachte ihr jedes Mal die Hälfte seines Brotbelages mit. Aber auch andere Dinge teilte er mit ihr. Er bedachte sie mit Nahrungsmittel, schenkte ihr ein wenig Kleidung, überraschte sie auch hie und da mit köstlichem Naschwerk, das die arme Frau bis dahin nicht kannte. Frau Nichts25 erblühte zu einer hübschen, kerngesunden Frau und viel Liebe erfasste sowohl den Mann als auch die Frau zueinander.

Eines Tages heiratete Frau Nichts25 Herrn Viel25. Plötzlich hatte Frau Nichts etwas. Sie hatte einen Mann, sie hatte etwas zu essen, etwas zu lesen, und so weiter. Und Herr Viel hatte noch immer ausreichend viel. Dann bekam das Paar ein Kind, dann noch eines. Auf einmal hatten sie viele.

Herrn Viels Erfindung des Teilens und Schenkens wurde zwischenzeitlich auch patentiert. Er wurde dadurch noch viel anerkannter, als er es ohnehin schon war. In Scharen pilgerten die Menschen zu ihm, um sich brauchbare Ratschläge einzuholen.

Die Bevölkerung Nichts’ erhielt seit Herrn Viels genialer Idee von seinen Mitbürgern stets etwas an brauchbaren Dingen, wodurch sämtliche Bewohner mit einem Mal etwas hatten, und die Leute aus dem Ort Viel immer noch ausreichend viele Schätze ihr Eigen nennen konnten. Der schwere Balken zwischen den Städten wurde entfernt, die Wachen abgezogen. Die Leute konnten sich frei hin und her bewegen, von einem Ort in den anderen spazieren. Die Nichts nahmen Arbeiten bei den Viels an, dadurch erhielten sie Geld und konnten sich Dinge kaufen, die sie sich nie hatten leisten können. So war allen geholfen. Almosen mussten im Laufe der Zeit keine mehr gespendet werden. Glücklich und zufrieden waren alle.

 

Herr Viel25 und Frau Nichts25 gründeten mit der Zeit ein eigenes Dorf und nannten es Etwas. Auch ihre Namen änderten sie und hießen fortan Familie Etwas-Viel.

Heute hat die Stadt 12000 Bewohner, die alle etwas haben.

Herr Viel25, nunmehr Herr Etwas-Viel, wurde Bürgermeister und somit die Nummer 1 im Dorf.

 

Stell dir einmal vor, diese Entwicklung würde sich endlos fortsetzen, dann gäbe es auf unserer Welt nur Menschen, die sowohl viel als auch etwas haben. Und das „Nichts“ wäre ausgestorben!!

Wäre das nicht ein weltweit nachahmenswertes Modell?

 

Allerdings: Diese Geschichte trug sich anno 3007 zu und hatte für die Menschheit so große Vorbildwirkung, dass sie von den Regierungen bis zum Jahre 3008 zur Nachahmung als gesetzlich verbindlich galt.

Durch machtpolitische Fehlentscheidungen einiger sprachgewaltiger Nationen erlosch diese segensreiche Verpflichtung. Man schrieb nun wieder das Jahr 2012.

 


Das Alter - eine ZahlNachricht vom 2015-04-18 15:46:52

diese Zeilen, als Mutmacher all jenen, die ein Problem mit ihrem Alter haben. Eine kleine Anleihe habe ich von Erich Fried genommen, ich hoffe, er ist mir deshalb nicht gram.

 

Es ist, wie es ist,

sagt das Jahr.

Kein Grund zur Sorge,

sagt die Gefahr.

So lange schon her!

sagt die Zeit.

Nimm es, wie's kommt,

sagt die Heiterkeit.

Die Jahre sind Schall,

sagt der Rauch,

das Alter nur Zahl,

sagt der Bauch.

Drum bleibe vergnügt,

sagt die Vernunft,

Frohsinn und Liebe lebe,

sagt die Zukunft.

 

copyright by Gerda Hillebrand

 

 


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